Tomatisiert Sexisten, wo ihr sie trefft!

Eine Lesung im Café ExZess zu „Gender und Häuserkampf“. Der Autor erzählt geruhsam von FrauenLesben-Räumen und dem Umgang mit (u.a.) Sexismus in der autonomen Szene. Das abschließende Klatschen wird weniger, die Moderatorin holt Luft, um die Diskussionsrunde einzuläuten. Ehe sie den Mund aufgemacht hat, steht ein Mann (N.) auf und reißt das Wort an sich.
Lang und breit redet er von etwas, das kaum jemand im Raum nachvollziegen kann, weil der Kontext in der Lesung nicht behandelt wurde. Gleichzeitig verteilt ein anderer Mann Flugblätter. Endlich kommt der Redner zur Sache: Er und sein Genosse seien im Buch falsch dargestellt worden, greift er den Autor an. „Ja, du hast recht“, brüllt N., „Es sind noch nicht genug Tomaten geworfen worden!“, und wirft zwei Tomaten in Richtung des Autoren. Die Moderatorin versucht das Wort zu ergreifen und aufzuklären, worum es geht. Der Mann wird lauter, stellt sich in die Mitte des Stuhlkreises: Er werde jetzt so lange eine Diskussion fordern, bis der Autor sich bei ihnen entschuldige, und schubst die Moderatorin, als sie aufsteht. Das Orgateam und Zuhörer_innen greifen ein und drängen ihn aus dem Raum, da er nicht bereit ist, sich auf eine friedliche Diskussion in normaler Lautstärke einzuassen. Der andere Mann geht mehr oder weniger freiwillig.

Wer sich für die Hintergründe nicht interessiert und lieber mehr über Tomaten lesen will, kann die folgenden Absätze getrost durch Klick auf diesen Link überspringen.

Worum geht es?
Was die Hintergründe sind, habe ich mir nach der Veranstaltung erklären lassen und dann ein wenig im Internet recherchiert.

Die beiden Männer führten auf dem Autonomen Kongress 2009 in Hamburg ein Theaterstück auf, das bei Zuschauer_innen Unbehagen und Sexismusvorwürfe auslöste. Manche verließen den Raum oder gleich den Kongress. Ich war nicht dabei, daher kann ich nur mutmaßen, welche Passagen Unmut hervorriefen.
Das Theaterstück behandelt die Frage, warum denn, im Vergleich zu früheren Autonomen Kongressen, 2009 nur noch so wenige dabeiseien.
Dazu folgende Passage:

• WILLI: Ahh, eine Story habe ich noch: Ein Genosse hatte mit seiner langjährigen Freundin das, was Millionen anderer Leute in dieser Gesellschaft auch haben: Richtig schlechten und trostlosen Sex. Darüber sind sie dann zurecht in Streit gekommen, sehr gut, das soll man niemals klaglos hinnehmen, und ein anderer hat das dann aufgeschnappt und hat dafür dann das Label Sexismus `rübergeklebt…
• OTTO: Äh, äh, jetzt ist mir nicht klar, was du damit sagen willst?
• WILLI: Lange Rede, kurzer Sinn: der Genosse wurde dann aus den autonomen Zusammenhängen rausgemobbt, ziemlich umsichtig wurde das gemacht, das wird man doch wohl hier als einen Sieg des Antisexismus bezeichnen dürfen oder nicht?
• OTTO: Sag mal! Soll das etwa heißen „Einer weniger! Das macht uns doch alle nur stärker”? Weißt du, da steckt Sprengkraft drin. Und das macht alles kaputt. Ich verliere da jedes Vertrauen, auch in enge Genossen wie dich. Lass uns über was anderes reden. Gibt’s denn eigentlich auch welche von den `95er-Autonomen, die politische Irrwege eingeschlagen haben? Hat denn irgendwer zu den Antideutschen rübergemacht?

Da die Quelle des Zitats von den beiden Theaterstücklern selber kommt und nach dem Kongress verfasst wurde, kann ich nicht garantieren, dass dies auch der Wortlaut ist, der auf dem Kongress 2009 für Unmut sorgte. Jedenfalls sollen die beiden auf dem Plenum uneinsichtig, sexistisch und beleidigend gewesen sein, was mit zu ihrem Ausschluss vom Kongress beitrug. Hierzu Stellungnahme der Orgagruppe und ein Text aus dem Umfeld der Roten Flora.

Der Autor des Buches „Gender und Häuserkampf“ behandelt diesen Vorfall als Beispiel für den Umgang mit Sexismus in autonomen Räumen (neben vielen, vielen weiteren Beispielen) auf nicht mal zwei Seiten und nenne die Verfasser des Theaterstücks auch nicht namentlich.

Und wozu schreibe ich das alles?

Erstens finde ich es sexistisch, wie N. und sein Genosse aufgetreten sind. Sie sind Paradebeispiele für zwei Autonome, die einfach nix gelernt haben. Es wurden wirklich noch nicht genug Tomaten geworfen.

Kommen wir endlich zu den Tomaten!

Zweitens finde ich es bedenklich, wie mit der Praxis des Tomatenwerfens umgegangen wurde. Historischer Hintergrund: Helke Sanders Rede bei der SDS-Delegiertenkonferenz und der anschließende Tomatenwurf von Sigrid Damm-Röder waren 1968 der Startschuss für eine neue Frauenbewegung in der BRD. Auf dieses Ereignis bezog sich N., als er die Tomaten Richtung Autor warf. Die Unterdrückung der Frauen wird mit der persönlichen Situation im Jetzt gleichgesetzt und feministische Anliegen so instrumentalisiert, um dem eigenen Sexismus Raum zu verschaffen.
Ein klassischer Fall einer zu kurz durchdachten Performance von zwei Klecksern, die sich auch bei ihrem Theaterstück nicht um die Wahl ihrer Worte scherten und wie diese verstanden werden können – eine typisch narzisstische Attitüde sogenannter „Künstler_innen“ ist, die sich und ihr kulturelles Produkt als außerhalb aller Kontexte stehend glauben. Ich finde, dass kulturelle Werke durchaus provozieren dürfen – Provokation hinterfragt Selbstverständliches und kann Auslöser sein, festgefahrene Diskussionen wieder in Gang zu bringen.
Aber dann muss man sich als Produzent_in auch Kritik daran gefallen lassen und akzeptieren, wenn das Werk aufgrund persönlicher oder (sub)kultureller Assoziationen anders verstanden wird, als es beabsichtigt war, und im schlimmsten Fall die Konsequenzen daraus ziehen (Rausschmiss). Die Alternative wäre ein kontextsensibler Umgang (aber das ist wohl manchen zu langweilig und zu wenig selbstdarstellerisch).

Ich möchte den Vorfall aber auch als Anlass nehmen, auf die feministische Tradition des Tomatenwurfs hinzuweisen. Tomatisiert Sexisten, wo ihr sie trefft! Denkbar wäre z.B. ein Einsatz auf Demos (anstatt Wasserbomben) oder die Lila Schimmeltomate, ein Negativpreis für sexistische Werbung. Weitere Vorschläge sind gerne willkommen!

Übrigens: Trotz des Vorfalls kam nach der Lesung noch eine wirklich schöne und interessante Diskussion zustande. Es waren viele Feminismen repräsentiert. So ein generationenübergreifender Austausch fehlt mir, auch weil ich glaube, dass bei den älteren Generationen viel Wissen vorhanden ist, das aber selten tradiert wird. So müssen jüngere Feminist_innen das Rad ständig neu erfinden, obwohl es nicht immer notwendig ist, fände ein regerer Austausch statt.


5 Antworten auf „Tomatisiert Sexisten, wo ihr sie trefft!“


  1. 1 Mimo 21. Oktober 2011 um 14:48 Uhr

    Seit dem antirassistischen Grenzcamp in Frankfurt 2001 gibt es eine Debatte um die Themen Sexualität und Sexismus in der undogmatischen Linken, die von Frauen und Männern aus autonomen Zusamenhängen geführt wurde. Diese Debatte setzte sich über die Jahre fort, es wurden viele Papiere geschrieben und viel geredet. Der Versuch, diese Debatte in Hamburg auf dem damaligen Grenzcamp weiterzuführen wurde versucht zu verhindern von gemischten Zusammenhängen aus der Roten Flora HH, für die jedes Reden über das Thema Sexualität schon sexistisch ist. Der Versuch der beiden tomatenwerfenden Männer, auf dem Autonomen-Kongress 2009 durch die parodistische Form des Sprechtheaters dieses Thema wieder in die Debatte zu bringen, wurde reflexartig mit einem Rausschmmiss beantwortet. Es gab keine Beleidigungen oder sexistische Ausfälle, wie die Blogschreiberin hier vermutet, sondern lediglich den oben zitierten Text innerhalb einer längeren Aufführung, die den Sinn hatte, durch provokative Überpointierung verschiedener – auch bewusst falscher – Positionen eine Diskussion anzustacheln. Dass der Autor amantine von Gender und Häuserkampf die beiden nun in seinem Buch quasi offiziell als Sexisten festschreibt ist eine ungeheuerliche Denunziation, gegen die sich schwer zu wehren ist, denn Geschichtsbücher sind sehr machtvoll. Der Autor kennt die beiden schon seit Jahrzehnten ohne jemals bei ihnen nachzufragen, wie es eigentlich aus ihrer Sicht alles war. Stattdessen schreibt er einfach feministische Slogans herunter statt sich kritisch mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen. Dass er sich am Ende seines Buches als Mann die Tomatenwürfe der Frauenbewegung der 60er Jahre zu eigen macht, ist eine Enteignung feministischer Geschichte durch einen Mann. Dass dann auch Männer seiner Aufforderung nachkommen und dort Tomaten werfen, wo eine Auseinandersetzung nicht möglich war (denn der ist er aus dem Weg gegangen beim Buchschreiben), ist nur folgerichtig. Und trotz der Tomaten konnte sich dieser Genosse nicht herablassen, sich mit den beiden, die er in seinem Buch denunziert hat und die er seit vielen Jahren kennt, auseinanderzusetzen. Stattdessen überlässt er es stumm den anwesenden Frauen, die beiden „Störer“ als Sexisten rausschmeißen zu lassen und damit die gemischte jahrelange Debatte um Sexualität und Sexismus ein weiteres Mal ordnungspolitisch (und mit einem weiteren „Sexismusskandal“) zum Schweigen zu bringen. Das ist politisch so armselig wie reaktionär und hat mit Feminismus nichts zu tun, sondern vielmehr mit dem Wunsch nach Ruhe und erzwungenen Konsens, den es aber gar nicht gibt. Es gibt Redebedarf, das haben die geworfenen Tomaten deutlich gemacht!

  2. 2 b.monkey 13. November 2011 um 18:51 Uhr

    leute, ihr habt da eine mario barth merch anzeige unter der sexismus debatte… !?

  3. 3 Administrator 19. Januar 2012 um 22:32 Uhr

    ih, mario barth, ich hoffe das kommt nicht wieder vor! ich empfehle werbeblocker_innen. für firefox z.b. adblock.

    nachtrag zum eintrag: in der letzten swing-ausgabe war ein statement der moderatorin des gender und häuserkampf-vortrages zu lesen. online hier nachlesbar: http://www.linksnavigator.de/node/2656

  4. 4 b.monkey 28. Januar 2012 um 23:23 Uhr

    Und noch ein Text.

    http://www.linksnavigator.de/node/2713

    Jetzt reicht es aber. Mehr Bedeutung müssen wir der Sache nicht beimessen. Es wird langweilig und es gibt wichtigeres. Friede auf Erden!

  5. 5 Administrator 31. Januar 2012 um 10:17 Uhr

    Jetzt reicht es aber. Mehr Bedeutung müssen wir der Sache nicht beimessen. Es wird langweilig und es gibt wichtigeres.

    Warum? Weil du das so sagst? Wie überaus großzügig von dir, dass du überhaupt zugestehst, mal darüber geredet zu haben.

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